Béla Bolten

Die Kreuzigung

Passend zu Karfreitag blättere ich „Das Jesuskomplott“ auf, in dem es auch um die Kreuzigung als Hinrichtungsmethode geht.

Er setzte sich auf seinen Platz, während Engel sein Notebook mit dem Beamer verband. Als er aufblickte, sah er ratlose Gesichter. Anscheinend verstand niemand, warum sie sich jetzt einen Vortrag über die Kreuzigung als Hinrichtungsmethode in Palästina zur Zeit der römischen Besetzung anhören sollten. So jedenfalls lautete nach der ersten Folie der Titel des Referats.
«Patrick hat mich heute Morgen gebeten, Ihnen zu referieren, was wir über die Kreuzigung als Hinrichtungsmethode wissen. Nun ist das absolut nicht mein Spezialthema, und ich war erstaunt, wie viel gesicherte Erkenntnisse wir haben. Bolten_JesusKomplott ebookUm Sie nicht zu langweilen, werde ich mich auf die wichtigsten Fakten beschränken.»
Zustimmendes Nicken von allen Anwesenden begleitete Engels letzten Satz.
Engel nahm einige lose Blätter zur Hand und begann seinen Vortrag, den er, wie von seinen Vorlesungen gewöhnt, mit ausladenden Gesten unterstrich.
«Ohne Zweifel ist der Tod durch Kreuzigung einer der grausamsten. Das sahen auch die Römer so. Cicero zum Beispiel nannte die Kreuzigung ‹die graumsamste und scheußlichste aller Foltern›, und Flavius Josephus sprach von der ‹erbärmlichsten Todesart›. Weil die Kreuzigung so erniedrigend war, durfte sie nicht an römischen Staatsbürgern angewendet werden. Sie war vor allem bei politischen Verbrechen wie Hochverrat oder Rebellion die bevorzugte Hinrichtungsmethode. Sie alle kennen die Geschichte von den sechstausend gekreuzigten Anhängern des Spartakus.»
«Das hat mich schon im Kino gelangweilt.»
Peter Deary durchbrach die Stille im Raum und kurzzeitig lärmten alle durcheinander wie eine Schulklasse nach einem gelungenen Witz des Klassenclowns. Hawley stoppte diesen Frohsinn mit seinem tiefen Bass.
«Bitte, lassen Sie Wolfram weiterreden. Sie werden sehen, es ist wichtig.»
Engel deutete eine leichte Verbeugung in Richtung des schwarzen Hünen an und fuhr fort:
«Es gibt eine ganze Reihe von Quellen, die uns relativ genau Aufschluss darüber geben, wie eine Kreuzigung ablief. Zunächst zum Kreuz selbst.»
Auf der Leinwand erschienen verschiedene christliche Kreuze unterschiedlicher Kunstepochen.
«In der christlichen Ikonografie des Abendlandes hat sich die sogenannte lateinische Form des Kreuzes durchgesetzt, bei welcher der Kreuzarm, das Patibulum, ein Stück unterhalb des Endes des Kreuzstammes Stipes befestigt war. In der uns interessierenden Zeit verwendete man aber Kreuze, die wie der Buchstabe T aussahen. Das Patibulum wurde in einer Kerbe am oberen Ende des Stipes befestigt.»
Auf dem Bildschirm erschien zunächst ein aufrecht stehender Balken, auf den ein Querbalken aufgesetzt wurde. Engel ärgerte sich in diesem Moment, eine solche animierte Darstellung gewählt zu haben. Es machte mehr den Eindruck einer Bastelanleitung für Kinder als eines wissenschaftlichen Vortrages.
«Bevor wir uns mit der Frage beschäftigen, wie die Kreuzigung an sich vonstatten ging, sollten wir uns noch mit dem gesamten Ablauf beschäftigen. Der eigentlichen Hinrichtung ging das Auspeitschen voraus. Nachdem das Gericht das Todesurteil verkündet hatte, wurde der Verurteilte an einen Pfahl im Hof des Gerichts gebunden. Die Geißelung wurde mit einer Peitsche vorgenommen, die etwa so ausgesehen haben könnte.»
Es erschien die Abbildung einer Geißel, die aus mehreren Lederriemen bestand, in die scharfkantige Knochen und Bleistücke eingeknüpft waren.
«Nach jüdischem Gesetz durften maximal vierzig Schläge verabreicht werden. Ob sich die Römer an diese Beschränkung hielten, wissen wir nicht. Allerdings reichten vierzig Schläge aus, um einen Mann schwer zu verletzen.»
Engel griff zu einem Glas Wasser und trank einige Schlucke.
«Nach dieser Folter war jeder Verurteilte dem Tod näher als dem Leben. Von der folgenden Verspottung durch die Soldaten wird er ebenso wenig mitbekommen haben wie von der Dornenhaube, die man ihm anschließend aufsetzte.»
«Sie meinen, die Geschichte mit der Dornenkrone stimmt?»
Van Damme, der den ganzen Abend noch kein einziges Wort gesagt hatte, kratzte sich am Kopf.
«Schwer zu sagen», antwortete Engel, «aber möglich wäre es. Relativ sicher ist auf jeden Fall, dass der Verurteilte das Patibulum eigenhändig zum Hinrichtungsplatz schleppen musste. Das Holzstück dürfte etwa fünfzig Kilo gewogen haben, und die meisten werden unter dieser Last nach der Folterung schier zusammengebrochen sein.»
Engel machte eine kurze Pause und tippte auf der Tastatur seines Notebooks herum. Als er die Folie gefunden hatte, die er suchte, fuhr er fort:
«An der Hinrichtungsstätte angekommen, ging alles schnell. Normalerweise entkleideten die Soldaten den Gefangenen vollständig, den Juden ließ man allerdings ein Lendentuch. Das Patibulum wurde auf den Boden gelegt und die Handgelenke mit schweren, viereckigen Eisennägeln daran fixiert.»
«Moment!»
Van Damme war aufgesprungen.
«Habe ich da jetzt irgendetwas falsch verstanden? Sie sprechen von Nägeln? Ich habe doch noch vor Kurzem in einem Fernsehbeitrag gehört, dass der Verurteilte mit Seilen und nicht mit Nägeln am Kreuz befestigt wurde.»
Der Holländer schien aufgebracht, und auch unter den anderen Anwesenden trat Unruhe ein. Lieb gewordene Vorurteile gerieten ins Wanken. Konnte es sein, dass die Bibel doch recht hatte?
«Das stimmt, Eric, es gab beide Methoden. Allerdings wissen wir ziemlich sicher, dass zurzeit Jesu in Palästina genagelt wurde. Es gibt hierzu einen eindeutigen Grabungsfund.»
Henderson wedelte mit beiden Händen.
«Bitte, Wolfram, mach weiter!»
«Nachdem die Hände festgenagelt worden waren, wurde das Patibulum am aufgerichteten Stipes hochgezogen und befestigt. Der damit beauftragte Legionär nahm die Beine des Opfers und beugte sie. Anschließend presste er die Fersen aneinander und schlug einen langen Nagel hindurch ins Holz.»
Sarah Goldberg stöhnte auf.
«Ehrlich, ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen. Sah Jesus jetzt so aus, wie wir ihn von den Kreuzen in den Kirchen kennen?»
«Nein, es sah anders aus. Und zwar so.»
Engel drückte eine Taste auf seinem Notebook, und auf der Leinwand erschien die schematische Darstellung eines Gekreuzigten.
«O Gott», entfuhr es Stone, «der Körper ist völlig verdreht.»
Engel wunderte sich, dass die hartgesottene Anthropologin bei diesem Anblick weich wurde, und nickte ihr aufmunternd zu.
«Genauso ist es, Theresia. Die Beine des Opfers wurden zur Seite gedreht, um sie mit einem einzigen Nagel durch die Fersen zu stabilisieren.»
«Und wozu diente dieser Holzbalken unterhalb des Gesäßes?», fragte Theresia jetzt wieder sachlich und gefasst.
«Diese sogenannte Sedecula hatte einen einzigen Zweck: das Leiden des Opfers zu verlängern. Medizinisch gesehen geschah Folgendes – bitte korrigieren Sie mich, Patrick, wenn ich etwas Falsches sage.»
Hawley brummte Zustimmung und machte sich ansonsten Notizen. Er hatte fast ein Blatt vollgekritzelt.
«Je länger der Mann am Kreuz hing, desto mehr ermüdeten die Arme. Schon nach kurzer Zeit dürfte er von Muskelkrämpfen geplagt worden sein. Als wäre das nicht schlimm genug, kam noch die steigende Atemnot durch die Lähmung der Brustmuskeln hinzu. Ein Gekreuzigter konnte zwar noch Luft ein-, aber nicht mehr ausatmen. Es beginnt ein schrecklicher Kampf, bei dem er versuchte, sich aufzurichten, um wenigstens einen kurzen Atemzug zu tun. Am Anfang half ihm ein Paradoxon. Je mehr Kohlendioxyd sich im Blut ansammelte, desto mehr ließen die Krämpfe nach. Er konnte sich für einen kurzen Moment aufrichten und das Gesäß auf die Sedecula bringen. Jetzt konnte er ausatmen und lebenswichtigen Sauerstoff einatmen. Aber wie gesagt, diese Entspannung dauert nur Sekunden, dann sackte der Körper wieder zusammen.»
«Und woran starb ein Gekreuzigter? Am Blutverlust?»
Sarah hatte die Frage fast atemlos gestellt.
Hawley richtete sich zu seiner ganzen Größe auf.
«Wenn Sie gestatten, Wolfram.»
Er blickte Engel an, der ihm mit einem Kopfnicken zu verstehen gab, weiterzusprechen.
«Nach einer Weile stellte sich ein sogenannter orthostatischer Kollaps aufgrund unzureichender Blutversorgung des Gehirns und des Herzens ein. Der Gekreuzigte sackte vollständig in sich zusammen. Hätte ich ihn anschließend auf dem Tisch gehabt, hätte die Diagnose Tod durch Ersticken gelautet.»
«Das ist ja furchtbar.»
Sarah war kalkweiß im Gesicht.
«Wie lange dauerte dieser Todeskampf.»
«Schwer zu sagen. Letztendlich ist das abhängig von der individuellen Konstitution des Gekreuzigten. Von ein paar Minuten bis zu ein paar Stunden ist alles drin.»
«Und wenn es den Legionären zu lange dauerte, halfen sie ein bisschen nach.»
Engel war Hawley ins Wort gefallen und machte eine entschuldigende Geste, die dieser nickend quittierte.
«Sie brachen dem Gekreuzigten die Beine, damit er sich nicht mehr aufrichten konnte. Dann trat nach kurzer Zeit der Erstickungstod ein.»
«Unser Jesus hier war allerdings bereits vorher tot. Zumindest sind seine Beine nicht gebrochen.»
Nachdem Hawley den Satz beendet hatte, klappte er das Notebook vor sich auf. Es war so still im Raum, dass sich dieses Geräusch wie ein Peitschenknall anhörte. Einzig Hawley war nicht von der Starre befallen, die alle anderen im Raum zu lähmen schien. Er stand auf, zog das Kabel aus Engels Computer und verband stattdessen sein Notebook mit dem Beamer. Wieder erschien das Skelett auf der Leinwand. Erst jetzt hörte man eine Stimme, von der Engel zunächst nicht wusste, wem sie gehörte. Sie krächzte mehr, als dass sie menschlich intonierte, und erst als er aufsah, wusste er, dass es Henderson war.
«Was zum Teufel wollen Sie uns damit sagen?»
«Nun, ich war mir zunächst nicht sicher, und deswegen bat ich Wolfram um seinen Vortrag. Sehr einleuchtend übrigens, Herr Professor.»
Er verbeugte sich spielerisch in Engels Richtung, der für diesen Spaß keinen Sinn zu haben schien. Er starrte auf die Leinwand. Dort erschienen Fotografien einzelner Knochen in Großaufnahme, anschließend füllte ein bestimmter Knochen das ganze Bild.
«Nun machen Sie schon, Patrick!»
Auch Engel hörte man die Ungeduld an. Hawley hingegen blieb sachlich.
«Was Sie hier sehen, ist der linke Handwurzelknochen unseres Jesus.»
Er drückte erneut eine Taste, und es erschien ein Teil des Knochens in Großaufnahme.
«Sehen Sie die Einkerbungen auf der linken Seite? Es handelt sich um Absplitterungen von Knochenmaterial. Die gleichen Verletzungen finden sich am rechten Handwurzelknochen und an den Fersen beider Füße – hervorgerufen durch einen spitzen und harten Gegenstand aus Metall.»
Hawley machte eine Pause und griff in seine Hosentasche. Er zog einen kleinen Stoffbeutel heraus, den er öffnete und über der Tischplatte ausschüttelte. Mit metallischem Klirren fiel ein Gegenstand auf den Tisch, den er anschließend zwischen Daumen und Zeigefinger hochhielt.
«Die Verletzungen an den Fersen stammen von diesem Nagel, den wir ebenfalls im Ossuarium fanden.»
Patrick zeigte den rostigen, etwa zehn Zentimeter langen Stahlstift in alle Richtungen.
«Ich wusste erst nicht, was ich davon halten sollte. Aber nach den Ausführungen von Wolfram Engel steht für mich eines ganz sicher fest: Dieser Jesus, dessen sterbliche Überreste ich heute auf meinem Seziertisch hatte, starb zwischen dem Jahr dreißig und dem Jahr vierzig unserer Zeitrechnung.»
Hawley ließ seine Hand mit dem Nagel sinken.
«Er war zum Zeitpunkt seines Todes etwa dreißig bis fünfunddreißig Jahre alt.»
Der Nagel rollte aus Hawleys Hand, fiel auf den Tisch, und das Klirren zerriss die atemlose Stille.
«Und er starb am Kreuz!»

Hier können Sie das Jesuskomplott direkt als E-Book herunterladen oder als Taschenbuch kaufen.

 

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2 Gedanken zu „Die Kreuzigung

  1. Stief sagte am :

    Mein erstes Buch von Hr. Bolten „Aschenputtel tanzt nicht mehr“.
    Ich muss sagen, ich bin begeistert. ruckzuck habe ich mir die 5
    weiteren abgeschlossenen Bände aus der „Berg und Thal“- Serie
    bestellt….. Sie haben einen neuen Leser Ihrer Bücher gewonnen….
    MfG Evelin Stief

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