Béla Bolten

Claras Schatten – Der Seite-99-Test

Wie beurteilt man vor dem Kauf die Qualität eines Buches oder ob es einem gefällt? Man liest den Klappentext und die erste Seite? Dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, bei der Lektüre enttäuscht zu werden. Das jedenfalls behauptete vor etwa hundert Jahren der englische Schriftsteller Ford Madox Ford, denn Autoren würden stets die größte Sorgfalt auf den Anfang eines Romans legen. Er empfahl deshalb, die Seite 99 zu lesen. Deshalb also hier:

Béla Bolten: Claras Schatten (derzeit zum Einführungspreis von 99 Cent)
Seite 99

Claras SchattenZehn Minuten später als verabredet drückte Bettina Berg auf die Türklingel des Gründerzeithauses, das sich, was Lage und Aussicht betraf, nicht hinter der Villa Schwör in Konstanz verstecken musste. Direkt am Seeufer und in einer zumindest im Winter kaum befahrenen Straße gelegen, strahlte es Wohlhabenheit und Gediegenheit aus. Harry Schwör öffnete selbst die Tür. »Haben Sie es doch noch gefunden?« blaffte er und führte Berg und Thal mit ausholenden Schritten vorausgehend ins Wohnzimmer, das in einer Mischung aus alten und neuen Möbeln elegant eingerichtet war. Thal, dessen Geschmack von Leah geprägt war, die kühle Sachlichkeit bevorzugt hattee, waren vor allem die bunten Bezüge der Sitzmöbel zu verspielt, gleichzeitig musste er konstatieren, dass sie zum Hausherrn passten, dessen Aufzug eher extravagant war. Schwörs mittelblauer Anzug, zu dem er ein anthrazitfarbenes Hemd mit leuchtend gelber Krawatte trug, kontrastierte auf irritierende Art mit seinem dichten, schlohweißen Haarschopf. Bettina schaute den Mann fasziniert an, was diesen immerhin zu einem, wenn auch nur angedeuteten Lächeln veranlasste. Er bedeutete den Besuchern, in den breiten Sesseln Platz zu nehmen. »Ich nehme an, Sie trinken Kaffee und keinen Tee. Zumindest ist das in den Fernsehkrimis immer so«, brummte Schwör. Thal wollte zuerst dankend ablehnen, entdeckte dann aber eine teure, silbern glänzende Pavoni auf dem Sideboard, zu dem Schwör auf dem Weg war. Fasziniert schaute er zu, wie der alte Mann gekonnt und routiniert die Hebelmaschine bediente. Er wusste, wie viel Übung es kostete, diese dreißig Jahre alte Diva unter den Espressomaschinen zu bedienen. Als Schwör ihm eine Minute später die Tasse reichte, erkannte Thal auf den ersten Blick, dass der Unternehmer auch als Barista erfolgreich geworden wäre. Menge und Crema des caffé waren perfekt und der Geschmack enttäuschte ihn nicht. Schwör lächelte. »Ich sehe, Sie verstehen etwas von gutem Kaffee, Herr Kommissar.«
»Wunderbar«, antwortete Thal. »Darf ich fragen, … ?«
»Ich beziehe meine Bohnen von einem kleinen Röster in Kalabrien«, antwortete Schwör, ohne zu zögern. »Ich gebe Ihnen gerne nachher die Adresse.«
Bettina stellte ihre Tasse als Erste ab. »Sie wissen vermutlich, dass Ihre Enkelin Hannah den Mord an Ihrer Mutter gestanden hat. Was halten Sie davon?«

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