Béla Bolten

22. Juni 1941

Am 22. Juni 1941 – also auf den Tag genau vor 72 Jahren – begann mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion der bis Mai 1945 dauernde Deutsch-Sowjetische Krieg, bis heute besser als Russlandfeldzug bekannt. Im Laufe des Krieges starben vor allem wegen der von Deutschen geplanten und ausgeführten Massenverbrechen an der Zivilbevölkerung zwischen 24 und 40 Millionen Bewohner der Sowjetunion sowie etwa 2,7 Millionen deutsche Soldaten. Für den Historiker Ernst Nolte war dieser Krieg der „ungeheuerlichste Eroberungs-, Versklavungs- und Vernichtungskrieg, den die moderne Geschichte kennt“.
Folgende Episode aus meinem Roman Codewort Rothenburg spielt am Morgen jenes 22. Juni 1941:

Walter gab keine Ruhe:
»Steh auf, Papa. Mama ist auch schon wach und sitzt am Radio. Da ist irgendwas passiert. Gleich kommt die Sondermeldung.«
Realisation:ebookIn der Küche dröhnte das Radio. Daut wälzte sich stöhnend aus dem Bett und schleppte sich aus dem Schlafzimmer.
Luise saß mit aufgestützten Armen und hochrotem Kopf am Tisch. Walter stand am Küchenschrank und hantierte mit dem Empfänger. Nur Ilse fehlte, sie spielte im Kinderzimmer.
Im Radio lief das Frühkonzert. Mitten in einem schmalzigen Tango setzte ein Trommelwirbel ein, gefolgt von einer gellenden Fanfare. Der Refrain des Horst-Wessel-Liedes. Walters Körper straffte sich, es sah aus, als wolle er mitsingen.
»Sei still«, zischte Luise.
Eine wohlbekannte Melodie löste die Fanfare ab: Das Hauptthema aus Liszts »Les Préludes« kündigte jeden Wehrmachtsbericht an. Die Musik wurde langsam ausgeblendet, und ein Sprecher verkündete mit getragener Stimme:
»Der Großdeutsche Rundfunk veröffentlicht in Kürze eine Sondermeldung!«
Danach ging das Ganze von vorne los. Trommelwirbel, Horst-Wessel-Fanfare, Liszt, Sprecher.
Daut war verärgert.
»Und deswegen weckt ihr mich! Gibt es wenigstens Kaffee?«
Luise deutete auf den Herd, wo eine Emaillekanne stand, von deren Rand schon ein Stück abgesplittert war.
»Wenn du das Gebräu so nennen willst.«
Daut schlurfte zum Herd und goss sich eine Tasse ein. Die braune Flüssigkeit würde ihn zwar nicht wach machen, aber wenigstens seinen Durst löschen. Was hatte er einen Brand! Er nahm einen Schluck.
»Verdammt, ist das heiß!«
Er pustete in die Tasse, um den Muckefuck abzukühlen, und setzte sich neben Luise.
Plötzlich ertönte aus dem Lautsprecher unmittelbar nach dem Ansager die schnarrende Stimme des Reichspropagandaministers. Goebbels verlas eine Erklärung des Führers. Er sprach wie immer seltsam abgehackt, unbetont und schnell. Daut hatte das Gefühl, er nuschele heute noch mehr als sonst. Vielleicht lag es aber auch nur an seinem Kater, dass nur Bruchstücke der Rede in sein Hirn vordrangen.
»Wenn ich bisher durch die Umstände gezwungen war zu schweigen, so ist doch jetzt der Augenblick gekommen, wo ein weiteres Zusehen … ein Verbrechen am deutschen Volk, ja, an ganz Europa wäre. Deutsches Volk! In diesem Augenblick vollzieht sich ein Aufmarsch, der in Ausdehnung und Umfang der größte ist, den die Welt bisher gesehen hat … Ich habe mich … heute entschlossen, das Schicksal und die Zukunft des Deutschen Reiches und unseres Volkes wieder in die Hand unserer Soldaten zu legen. Möge uns der Herrgott in diesem Kampf helfen.«
Wovon redete der Kerl da? Daut verstand die Zusammenhänge nicht. Neben ihm flüsterte Luise.
»Sie hatten recht! Sie hatten tatsächlich recht. Er ist so wahnsinnig und beginnt einen Krieg mit Russland.«
Also davon sprach der hinkende Gnom. Daut wandte sich Luise zu. Sie hatte das Kinn in die aufgestützten Hände gelegt. Aus dem Gesicht war jede Farbe gewichen. Ihre Augen blickten starr geradeaus. Sie bemerkte nicht, dass ihr Mann sie anschaute. Hatte sie Angst? War sie verzweifelt? Nein! Daut kannte seine Frau. Was er sah, war keine Verzweiflung. Es war Entschlossenheit.

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