Béla Bolten

Die Konzilshure

Was ist das meist fotografierte Wahrzeichen der Stadt Konstanz? Die riesige Statue einer Hure. Da wundert es nicht, dass sie in »Sünders Fall« der Schauplatz eines Polizeieinsatzes ist.

Thal bahnte sich einen Weg durch die Masse von Schaulustigen, die den Zugang zum Imperiasteg im Hafen verstellten. Am rotweißen Absperrband zeigte er einem uniformierten Beamten seinen Dienstausweis, der es daraufhin anhob. Direkt vor der Imperia arbeiteten die Tatortermittler in ihren weißen Overalls. Sie zogen den Leichnam aus dem Wasser und legten ihn auf eine Bahre. Bettina stand daneben und diskutierte mit Schober. Der hatte ihm gerade noch gefehlt. Thal versuchte, ihm auszuweichen, und wandte sich direkt an Restle, den Rechtsmediziner.
»Guten Tag, Doktor, was haben wir hier?«
»Ja, Grüß Gott, Herr Thal, lange nicht gesehen. Die Lage …«
»Thal!« Schober hatte ihn entdeckt und winkte ihn mit rudernden Armbewegungen herbei.
»Na, wieder genesen?« Der sarkastische Unterton war nicht zu überhören. Eine Antwort wollte der Kriminaldirektor gar nicht hören, denn er sprach in seinem typischen Singsang weiter, die Stimme eher noch höher als sonst, sodass sie sich fast überschlug und dazu in einer für ihn untypischen Lautstärke.
Imperia»Gut, das wird auch Zeit. Ihre Kollegin Berg ist völlig überfordert. Erst bringt man einen Journalisten in einem unserer besten Hotels um«, Schober deutete mit theatralischer Geste in Richtung Seehotel, »und dann finden wir eine zweite Leiche direkt unterhalb des Wahrzeichens unserer Stadt.« Die gleiche Geste, diesmal in Richtung der Imperia, der sich langsam um ihre eigene Achse drehenden, neun Meter hohen Statue einer mittelalterlichen Kurtisane. Schober ließ die Arme sinken. Es sah aus, als fiele er in sich zusammen wie eine Marionette, dessen Fäden man mit einem Schnitt durchtrennt hatte. »Laut unserer Superpolizistin Berg wissen wir nicht einmal, ob ein Zusammenhang zwischen den Morden besteht. Und ich muss mich in fünfzehn Minuten der Presse stellen.«
[…]
Thal blickte zur Imperia hinauf. Er kannte den Bildhauer, der häufiger bei Leahs berühmten Atelierfesten zu Gast war. Was hatten sie sich über die Konstanzer Spießbürger amüsiert, die angesichts der ihre Reize zur Schau stellenden Liebesdienerin, die in der einen Hand den Kaiser und in der anderen den Papst trug, mit Schaum vor dem Mund von einer »Schande für die Stadt« sprachen und den sofortigen Abriss forderten. Was mussten diese Leute sich ärgern, denn die Statue war inzwischen das von den Touristen am häufigsten fotografierte Objekt und insofern das Konstanzer Wahrzeichen schlechthin. Heute fiel Thal vor allem auf, was für eine Schönheit die Imperia war.

Mehr Informationen zur Imperia finden Sie hier.

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