Béla Bolten

Im Antlitz des Herrn – Seite 99

Wie beurteilt man vor dem Kauf die Qualität eines Buches oder ob es einem gefällt? Man liest den Klappentext und die erste Seite? Dann ist die Wahrscheinlichkeit, bei der Lektüre enttäuscht zu werden sehr groß. Das jedenfalls behauptete vor etwa hundert Jahren der englische Schriftsteller Ford Madox Ford, denn Autoren würden stets die größte Sorgfalt auf den Anfang eines Romans legen. Er empfahl deshalb, die Seite 99 zu lesen. Deshalb also hier:

Im Antlitz des Herrn – Seite 99:

Engel nickte lächelnd.
«In der Tat. Wenn Jesus diesen Ritus tatsächlich begründete, müssen wir davon ausgehen, dass man ihn in den urchristlichen Gemeinden praktizierte. Das tat man aber nicht!»
«Woher wollen Sie das wissen», rief Deary erstaunt. «Schließlich gibt es nach ihren eigenen Worten kaum historische Quellen über die Christen in dieser Zeit.»
«In diesem Fall haben wir aber eine ausgezeichnete Quelle, und zwar die sogenannte Didache. Der Name sagt Ihnen vermutlich nichts, denn die Amtskirche unternimmt so ziemlich alles, um die Verbreitung dieser Schrift zu verhindern. Der Text stammt aus dem frühen zweiten Jahrhundert, sein vollständiger Titel lautet Lehre des Herrn durch die zwölf Apostel an die Heidenvölker. Er wurde 1873 in Konstantinopel gefunden und ist ohne jeden Zweifel echt. Kurz gesagt handelt es sich bei dieser ‹Zwölfapostellehre› um eine Art Katechismus, in dem sich viele konkrete Bestimmungen zur religiösen Praxis befinden, unter anderem zur Feier des Abendmahls. Denn in der Tat gab es in den urchristlichen Gemeinden ein rituelles Mahl. Man segnete, wie es alle Juden taten, Brot und Wein und gedachte der letzten gemeinsamen Stunden mit Jesus. Die Didache gibt klare Anweisungen, was dabei zu sprechen ist. Ich kann es nicht vollständig aus dem Gedächtnis zitieren, ich drucke Ihnen aber morgen gerne den Text aus. Ungefähr steht dort Folgendes:
Haltet das Mahl so. Nehmt den Kelch und sprecht: Wir sagen dir Dank, Vater, für den heiligen Weinstock Davids, den Du uns durch Jesus, Dein Kind, zu erkennen gabst. Dir sei Ehre für alle Zeit.
Bei dem gebrochenen Brot sprecht: Wir sagen Dir Dank, Vater, für das Leben und die Erkenntnis, welche Du uns zu erkennen gegeben hast durch Jesus, Dein Kind. Dir sei Ehre für alle Zeit.
So, und nicht wie bei Paulus beschrieben, feierten die urchristlichen Gemeinden die Eucharistie. Kein Wort von Leib und Blut, das vergossen wird zur Vergebung der Sünden.»
Es herrschte absolute Stille im Raum, in der nur das Knistern des Kaminfeuers zu hören war. Stone fasste sich als Erste.
«Puh, das ist starker Tobak. So langsam halte ich es für möglich, dass unser Skelett im Mausoleum tatsächlich dieser Jesus ist.»

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2 Gedanken zu „Im Antlitz des Herrn – Seite 99

  1. Schöne Idee! Ich hasse Buchanfänge. Man verkrampft sich ja auch als Autor dabei. Ich jedenfalls. Viel Erfolg wünscht Dir Nika Lubitsch

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