Béla Bolten

Ein deutscher Schicksalstag

Kein anderes Datum der deutschen Geschichte ist emotional so aufgeladen und bedeutsam wie der 9. November, kein anderer Tag spiegelt derart die Höhen und Tiefen deutscher Geschichte.
Novemberrevolution 1918, Hitlerputsch 1923, Pogromnacht 1938 und Maueröffnung 1989. Ein Mahn- und Feiertag zugleich.
Auch ich persönlich habe besondere Erinnerungen an diesen Tag. Zum 50. Jahrestag der Pogromnacht vom 9. November 1938 erschien 1988 unter meinem bürgerlichen Namen Matthias Brömmelhaus »Nach unbekannt verzogen«, mein inzwischen nur noch antiquarisch erhältliches Buch zur Geschichte der Warendorfer Juden in der NS-Zeit. Es wurde in einer bewegenden Feierstunde der Öffentlichkeit präsentiert, auf der als Ehrengast Paul Spiegel sprach, der spätere Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland. Sein Vater Hugo Spiegel war einer der Menschen, deren Schicksal ich in meinem Buch schilderte.

Wenn man so will, war dieses historische Sachbuch mein Einstieg in die biografische und schriftstellerische Arbeit. Selbstverständlich durften die schrecklichen Ereignisse dieser Nacht auch in meinem Roman »Codewort Rothenburg« nicht fehlen.

Er war am 9. November 1938 mit Luise im Theater des Westens an der Kantstraße gewesen. Welches Stück damals gespielt wurde, hatte er vergessen. Das war bedeutungslos. Wichtig war nur, was danach geschah. Sie wollten nach Ende der Vorstellung noch auf ein Glas Schokolade und ein Bier ins Café Möhring am Kurfürstendamm. Kaum hatten sie das Theater verlassen, rochen sie es. Feuer! Ein roter Schein hing über der Fasanenstraße. An ihnen vorbei rannten johlend und lachend Männer mit Knüppeln in der Hand. »Juda, verrecke«, rief ein sechzehn Jahre alter Bursche und schlug mit einer Axt das Schaufenster eines Hutmacherateliers entzwei. Als zöge sie der Ort magisch an, gingen Luise und Axel Daut in die Fasanenstraße. Die große Charlottenburger Synagoge brannte, ihre Kuppel stand lichterloh in Flammen. Doch Hilfe war im Anmarsch. Man hörte aus Richtung Kurfürstendamm das Klingeln der Feuerwehrautos. Zwei Löschzüge brausten in die Fasanenstraße, die Feuerwehrleute sprangen herunter und begannen, die Schläuche auszurollen.
»Nichts da! Hier wird nicht gelöscht.«
Ein Mann in Zivilkleidung, zu der die hohen Schaftstiefel der SA-Uniform in seltsamem Kontrast standen, trat vor den Hauptmann des Feuerwehrzuges. Daut konnte nicht hören, was sie sprachen, aber der Feuerwehrmann schien wütend und wollte den Mann zur Seite stoßen. In diesem Moment trat eine Horde junger Männer vor. Sie bildeten eine Art Kordon. Alle hielten Schlagstöcke, Holzscheite oder Äxte in der Hand. Einige schlugen damit bedrohlich auf ihre Stiefel. Komisch, dachte Daut. Warum trugen sie zu ihren Stiefeln nicht auch die Uniform? Die Männer umringten inzwischen die Löschzüge. Im Gebälk der Kuppel krachte es verdächtig. Eine Feuersäule stieg in den pechschwarzen Nachthimmel. Der Rädelsführer richtete wieder das Wort an den Feuerwehrhauptmann. Er sprach so laut, dass ihn die herumstehenden Menschen hören konnten. Im Grunde genommen hielt er eine Rede an die gaffende Menge. Eine Brandrede. Sie endete mit einem Aufruf, fast einem Befehl.
»Das hier ist die Rache für den feigen Mord an dem aufrechten deutschen Ernst Eduard vom Rath. Jetzt muss die ganze Judenbande bezahlen, nicht nur der feige Polackenjude Grynszpan! Rückt ab, Leute. Für deutsche Feuerwehrmänner gibt es hier heute nichts zu tun.«
Daut traute seinen Augen nicht. Der Feuerwehrhauptmann redet kurz mit seinen Männern, dann sprangen sie auf die Autos und fuhren weg. Die Menge um sie herum klatschte und johlte.
»Juda, verrecke! Juda, verrecke!«
Rhythmisch riefen sie die Worte, als wären sie die Tageslosung. Wieder und immer wieder. Daut sah, wie Luise sich die Ohren zuhielt. Er zog sie Richtung Kurfürstendamm.
»Komm, wir gehen nach Hause.«
Danach schwiegen sie den langen Heimweg.

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