Béla Bolten

Angst und Schrecken

In der heutigen Montagsleseprobe aus „Codewort Rothenburg“ begleiten wir die hochschwangere Luise Daut beim Verteilen von Flugblättern gegen die Nazimachthaber. 

»Das Haus ist gut, in allen Wohnungen ist es dunkel, und es gibt viele Briefkästen. Sie bleiben hier! Wenn jemand kommt oder das Licht in einer Wohnung angeht, rufen Sie nach mir.«
»Was soll ich denn sagen?«
»Na was wohl? Meinetwegen, dass sie endlich weiterge­hen wollen und ich mich mit dem Pinkeln beeilen soll.«
Luise senkte den Blick, und so entging ihr Pauls anzügli­ches Grinsen. Er schlüpfte in den Hauseingang. Luise hörte das leise Klappern der Briefkästen, wenn er ein Flugblatt ein­warf. Eine Minute später kam er wieder heraus, und sie gin­gen weiter den Ku’damm herauf. Als auch am zweiten Haus alles glattging, entspannte sich Luise.
»Wie viele Blätter haben Sie noch?«
Paul griff in die Innentasche seines Mantels.
»Nicht mehr viele. Am Lehniner Platz müssten wir sie los­werden.«
Zwanzig Meter rechts vor ihnen wurde eine Tür geöffnet. Lachen drang auf die Straße, Menschen kamen heraus. Zwan­zig, vielleicht auch dreißig.
»Mist!«, fluchte Paul. »Die Vorstellung ist aus.«
Luise schaute ihn an. Sein Gesicht war angespannt, und er kniff die Augen zusammen.
»Welche Vorstellung?«
Sie ärgerte sich, dass sie ein leichtes Zittern ihrer Stimme nicht verhindern konnte.
»Das Kabarett der Komiker.«
Paul ergriff Luises Arm und drückte ihn. In diesem Mo­ment sah sie es auch. Zwei SS-Offiziere kamen ihnen auf dem Trottoir entgegen. Der eine pfiff ein Lied, und der andere mühte sich, trotz des leichten Windes eine Zigarette in Brand zu setzen. Paul zerrte Luise in einen Hauseingang und drückte sie gegen die Wand. Sie wollte protestieren, als er seinen Körper gegen sie presste und seine Lippen auf ihre drückte. Sie bekam keine Luft mehr, wagte es aber nicht, sich zu bewegen. Er streichelte ihr mit der Hand durchs Haar.
»Schau mal an, Sie haben es wohl sehr nötig. Und das in Ihrem Zustand! Schämen sollten Sie sich! Wahrscheinlich ist der Herr nicht der Erzeuger des Balges, das Sie da spazieren tragen, oder?«
Der größere der beiden SS-Männer trat auf sie zu. Paul löste seine Lippen von ihren, und so konnte Luise wenigstens Luft holen. Seinen Körper allerdings bewegte er keinen Milli­meter zur Seite. Der Offizier winkte seinen Kameraden her­an.
»Schau dir den an, Ferdinand. Würde mich nicht wun­dern, wenn der schielende Gnom da ein Judenschwein ist. Haben wir es hier mit einer niederträchtigen Rassenschande zu tun?«
Der andere Offizier hantierte immer noch erfolglos mit seinem Feuerzeug und winkte ab.
»Ach komm, Karl. Lass uns gehen. Ich hab vielleicht einen Durst!«
Der Angesprochene warf noch einen abschätzenden Blick auf Luise, ehe er sich umdrehte.
»Hast recht«, sagte er. »Ich habe auch einen ordentlichen Brand.«
Er schlug dem anderen kräftig auf die Schulter, und sie marschierten im Gleichschritt davon.
Luise zitterte am ganzen Leib. Paul löste sich langsam von ihr. Er griff in seine Hosentasche, hielt ihr ein Taschentuch hin und deutete auf ihren Mund. Luise betupfte ihre Lippen. Ein dicker Tropfen Blut färbte das Tuch rot. Hatte sie sich in ihrer Panik selbst gebissen? Oder war er es gewesen?
»Komm!«
Paul ging langsam am Theater vorbei. Der Platz vor dem Eingang hatte sich inzwischen geleert. Alle wollten so schnell wie möglich aus der Dunkelheit nach Hause oder in eine der umliegenden Gaststätten. Er bog rechts in die nächste Straße ein. Luise konnte das Straßenschild in der Finsternis nicht entziffern. Der Name schien ihr ellenlang.
»Ich bin gleich wieder da!«
Durch eine Wageneinfahrt betrat Paul einen Hinterhof und kam nach wenigen Sekunden zurück.
»Alles erledigt. Geht es dir gut?«
Am liebsten hätte sich Luise das vertraute Du verboten. Was bildete sich der Kerl ein. Stattdessen nickte sie stumm.
»Dann gehst du jetzt zurück zum Bahnhof Halensee. Den Rest schaffe ich alleine.«
Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und ließ sie stehen. Übelkeit stieg in Luise hoch. Sie trat an die Hauswand und erbrach sich.

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