Béla Bolten

Schatzsuche

»Wer ist denn das auf dem Foto?«
»Das ist meine Tante Marianne.«
»Und der Junge auf ihrem Schoß?«
Freudig tippt der Angesprochene mit dem Finger auf einen keck in die Kamera lachenden fünfjährigen Knaben in speckiger Lederhose.
»Das bin ich«, sagt er und findet es richtig und normal, als 85-jähriger Mann im Präsens zu sprechen, wenn er sich auf einer alten Fotografie entdeckt. Niemand würde beim Betrachten alter Aufnahmen auf die Idee kommen zu sagen: »Das war ich!« Der Greis trägt das Kind in sich. Er ist es immer noch, trotz aller Veränderungen und Brüche, die jedes Leben mit sich bringt. Beim Anschauen alter Fotos wird uns die Kontinuität unseres Lebens schlagartig bewusst. Alte Fotografien sind die Souvenirs unserer Lebensreise. Sie dokumentieren Siege und Niederlagen, Höhen und Tiefen, Glück und Unglück, Freude und Trauer. Sie helfen der Erinnerung auf die Sprünge, jener wunderbaren menschlichen Fähigkeit, jederzeit in unser vergangenes Leben eintauchen zu können, es zu vergegenwärtigen – sprich: im Hier und Jetzt noch einmal zu erfahren. Deshalb sind die oft lieblos in Kellern und auf Dachböden liegenden Fotoalben und -kisten ein großer Schatz. Wenn es jetzt abends immer früher dunkel wird und die Herbststürme an den Fenstern rütteln und man nicht einmal seinen Hund vor die Tür jagt, ist eine gute Zeit, den Schatz zu heben. Langeweile kommt garantiert nicht auf.

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