Béla Bolten

Das Glück bei der Recherche

Ich liebe die Recherche. Für einen Autor von zeithistorischen Romanen ist das ja auch eine Grundvoraussetzung, um überhaupt schreiben zu können. In meinen Büchern tauchen historische Ereignisse und reale Personen auf, dazu kommen meine erfundenen Protagonisten und fiktive Handlungsstränge. Dabei trifft Fiktion auf Realität, etwa wenn der von mir erdachte Ermittler Axel Daut in »Codewort Rothenburg« mit dem realen Geheimdienstchef Walter Schellenberg spricht oder Dauts Frau Luise einer der bedeutendsten Personen des Deutschen Widerstandes begegnet: Libertas Schulze-Boysen. Diesen Personen gerecht zu werden, setzt umfangreiche Studien voraus. Es beginnt bei der Lektüre von Biografien und endet bei der Suche nach Filmmaterial, um Bewegungen, Gestik und Mimik kennenzulernen.
Bei Geschichten, die in der Vergangenheit spielen, gibt es zahlreiche Fallen, in die man hineintappen kann. Beispiel Straßennamen. Im Laufe der Jahrzehnte haben sie z. B. in Berlin, wo der Roman spielt, häufig den Namen gewechselt. Wie also hieß die Straße, über die mein Protagonist gerade spaziert, im Juni 1941? Alte Stadtpläne geben Auskunft. Gab es das Lokal Aschinger am Alexanderplatz 1941 überhaupt noch? Und was kostete dort ein Glas Bier? Ich gebe zu, detailversessen zu sein. Wenn ich historische Fakten in meine Geschichte einbaue, müssen sie auch in Kleinigkeiten stimmen. Lassen sie sich nicht genau recherchieren, verzichte ich lieber auf sie.
Natürlich erleichtert das Internet die Arbeit ganz erheblich. An viele Informationen könnte ich offline überhaupt nicht kommen, wie an die Zeitzeugeninterviews der Schoah Foundation, die einen tiefen Einblick in die Lebensverhältnisse der Jüdischen Bevölkerung Berlins in der NS-Zeit ermöglichen.
Trotzdem lässt sich nicht alles vor dem Bildschirm klären, deshalb stapelt sich gerade wieder die Fachliteratur auf meinem Schreibtisch. Manches Buch lässt sich günstig antiquarisch erwerben, andere leihe ich in Bibliotheken aus.
Für Axel Dauts nächsten Fall habe ich mir zudem einige DVD besorgt. Er wird einer Schauspielerin begegnen, einem wirklichen Star ihrer Zeit, da liegt es nahe, sich einige Filme der Diva anzusehen.

Die historische Recherche kann übrigens auch dazu führen, dass ich den Plot noch einmal gehörig durcheinanderwirble. Das Handlungsgerüst des nächsten Buches stand lange fest und ich hatte bereits mit dem Schreiben einzelner Szenen begonnen, als ich ein vor längerer Zeit bestelltes Buch mit Aufsätzen zu einem Aspekt der Handlung bekam. In einem Artikel fand ich einen Querverweis auf ein Ereignis, das im Februar/März 1943 stattfand. Genau zu dieser Zeit spielt mein Roman. Es geht um einen konkreten Akt der Auflehnung und des Widerstandes, von dem ich bisher noch nie gehört hatte, obwohl es dazu sogar einen Spielfilm gibt. Ich suchte weitere Informationen und stieß auf eine faszinierende und unglaubliche Geschichte. Je mehr ich erfuhr, desto weniger ließ mich das Thema los. Ich konnte nicht anders, als den Plot um einen weiteren Handlungsstrang zu erweitern. Jetzt allerdings habe ich mir Rechercheabstinenz auferlegt. Von nun an wird nur noch geschrieben, schließlich soll der nächste Fall für Axel Daut noch in diesem Jahr erscheinen. Und Weihnachten kommt schneller als man denkt.

Einzelbeitrag-Navigation

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: