Béla Bolten

Lüg mich nicht an!

Verhöre von Verdächtigen durch Polizeibeamte sind Bestandteil der meisten Kriminalromane. Spielt der Roman in der Vergangenheit, stellen sich für den Autor besondere Herausforderungen, denn gerade in der Konfliktsituation eines Verhörs lassen sich die gesellschaftlichen Umstände besonders drastisch beschreiben.
Die heutige Montagsleseprobe ist das 12. Kapitel aus »Codewort Rothenburg«.

Emma Gutjahr saß aufgelöst auf dem wackligen Holzstuhl vor Dauts Schreibtisch. Sie war ein zähes Luder, das musste er zugeben. Vor einer halben Stunde hatte er Rösen aus dem Zimmer geschickt. Er wollte die Zügel anziehen, ihm blieb keine Wahl. Diese Emma war die einzige Spur in einem Fall, der sich immer mehr im Nebel auflöste. Fünf Tage waren seit der Tat vergangen, und sie waren noch immer keinen Schritt weiter. Er musste aus ihr rausquetschen, was herauszuholen war – und noch ein bisschen mehr. Daut trat hinter die Frau und schob seine Finger in ihren blonden Bubikopf. Auf ihren Armen bildete sich eine Gänsehaut. Gut so! Sie bekam Angst. Daut griff in die Hosentasche und holte ein Klappmesser heraus, das er seit Kindertagen immer bei sich trug. Er ließ die Klinge herausspringen und schnitt langsam eine Strähne des dicken Haares ab. Er blickte von oben auf ihren Kopf.
»Eine unechte Blondine. So etwas gefällt dem Führer aber gar nicht!«
Daut drehte die abgeschnittene Locke zwischen den Fingern und ließ sie in ihren Schoß fallen. Ihre Beine hielt sie eng geschlossen. Der Rock war einige Zentimeter nach oben gerutscht, und er sah, dass sie echte Seidenstrümpfe trug. Ein süßes Parfüm stieg ihm in die Nase, vermischt mit einer leichten Schweißnote. Angstschweiß. Daut fuhr mit der Klinge an ihrer Wange entlang.
»Die Männer mögen Ihr hübsches Gesicht, oder?«
Emma Gutjahr senkte den Kopf und blickte auf ihre Schuhe. Ihre Schultern zuckten. Daut wusste, er hatte sie so weit. Sie hatte sich entschieden zu reden.
»Es stimmt nicht, was ich Ihnen erzählt habe, Herr Kommissar. Dieser Meyer ist zwar mein Agent, aber ich bin keine Künstlerin. Er vermittelt mich nicht an Filmstudios oder Theater, sondern an …«, sie zögerte einen Moment,
»… an Männer.«
»Sie arbeiten also als Prostituierte.«
»Wenn Sie es so nennen wollen. Aber es sind alles Herren aus bester Gesellschaft. Und was bleibt mir auch anderes übrig. Mein Mann ist im Herbst 1939 gefallen. Wir haben drei Kinder, ich brauche das Geld.«
Das erste Mal seit Beginn der Befragung blickte Emma Gutjahr auf. Sie wollte Daut bezirzen, aber er sah nichts als Kälte und Berechnung.
»Was sind das für Männer? Namen! Adressen!«
Sie senkte den Blick.
»Das kann ich Ihnen nun wirklich nicht sagen, Herr Kommissar. Die Männer haben Einfluss.«
»Was glaubst du, wo du hier bist?«
Daut musste noch etwas Härte zulegen. Er packte die Lehne und kippte den Stuhl so weit nach hinten, dass er fast zu Boden fiel. Emma Gutjahr schrie auf.
»Glaub bloß nicht, dass wir dir nichts tun. Wenn ich will, lasse ich dich für die nächsten Monate verschwinden, und wenn du wieder auftauchst, wird sich garantiert kein Mann mehr nach dir umdrehen.«
Er ließ den Stuhl krachend auf alle vier Beine fallen. Sie schlug die Hände an den Kopf, als wolle sie sich die Ohren zuhalten. Die Frau hatte Talent zur Schauspielerei. Daut drehte den Stuhl mit Schwung um, griff ihr unter das Kinn und hielt ihren Kopf hoch. Jetzt blitzte nur noch Angst aus den Augen der Frau.
»Ich kenne die Namen der Männer nicht und weiß auch nicht, wo sie wohnen. Das müssen Sie mir glauben, Herr Kommissar.«
»Wo triffst du die Freier?«
»In meiner Wohnung.«
Es klang, als frage sie Daut, ob er mit dieser Behauptung zufrieden war.
»Lüg mich nicht an!«
Wieder drehte er abrupt den Stuhl, jetzt saß sie in Richtung Tisch. Er legte die Holzprothese in ihren Nacken.
»Weißt du, das Dumme ist, dass ich in dieser Holzhand überhaupt kein Gefühl habe. Ich kann sie einfach nicht kontrollieren.«
Mit Wucht drückte er den Kopf der Frau auf die Tischplatte.
»Ups, tat das weh? Tut mir leid, aber wie gesagt, ich habe keine Gewalt über diese Hand. Sie macht, was sie will.«
Mit der rechten Hand griff er in die Haare der Frau, zog den Kopf nach oben und bog ihn so weit zurück, dass sie ihn anschauen musste. An der Stirn hatte sie eine Schramme, vermutlich von einem Holzsplitter, der sich von der alten Tischplatte gelöst hatte. Ein dünner Blutfaden lief direkt über den Nasenrücken. Bevor er heruntertropfen konnte, verwischte Daut ihn mit dem Zeigefinger auf ihrer Stirn. Er zog sie aus dem Stuhl und schleppte sie zum Waschbecken, über dem ein Spiegel hing.
»Da, schau! Mach dich sauber, du Nutte!«
Als er das Entsetzen in Emma Gutjahrs Blick sah, verabscheute sich Daut. Er hasste Gewalt, doch er hatte keine andere Wahl. Er musste diesen verdammten Fall lösen. Er musste sich unentbehrlich machen. Entbehrliche wurden woanders eingesetzt. Und er wollte kein Held mehr sein. Das war er schon für den Kaiser gewesen. Für Führer, Volk und Vaterland – nein danke!
In Emma Gutjahrs Gesicht las er, dass sie kapituliert hatte. Sie stützte sich mit beiden Händen auf das Waschbecken. Ihr Oberkörper zitterte.
»Ich arbeite nicht nur für Meyer, sondern auch in einem Etablissement.«
»Im Puff gehst du also anschaffen. Warum sagst du das nicht gleich? Name? Adresse?«
Emma Gutjahr stemmte sich vom Waschbecken hoch und schaute Daut an. Ihr Gesicht war verzerrt. Sie presste die Lippen aufeinander, als wolle sie ihren Mund endgültig versiegeln. Vor wem oder was hatte sie so viel Angst, dass sie Dauts körperlichen Angriffen widerstand? Er stand auf. Mit dem vor sich gehaltenen Messer ging er auf sie zu. Als das Messer noch fünf Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt war, spie Emma Gutjahr die Worte aus:
»Pension Schmidt. Giesebrechtstraße 11.«
Daut nickte mit dem Kopf. Er drehte sich um, ging zur Tür und brüllte hinaus:
»Abführen, die Dame! Schutzhaft!«

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