Béla Bolten

Helene spielt in Erkenschwick

Wochenende und Fußball, das gehört für viele Menschen zusammen. Auch für Opa Gerd, wie die folgende kleine Geschichte zum Wochenende zeigt.
Opa Gerd war begeisterter Fußballfan, obwohl es das Wort in seiner Jugend noch gar nicht gab und er es auch niemals selbst gebraucht hätte. Wie aber soll man jemanden bezeichnen, der zeit seines Lebens, Sonntag für Sonntag spätestens um halb drei nachmittags – bei Auswärtsspielen entsprechend früher – das Haus verließ und zum Fußballplatz ging? Sehr zum Verdruss seiner Frau übrigens, denn Oma hätte die Familiensonntage gerne anders gestaltet.
Ich war sechs Jahre alt, als ich eines Sonntags Zeuge einer richtigen Familienkrise wurde. Oma Line trug gerade die Teller in die Küche – es hatte ihren köstlichen Schweinebraten mit Rotkohl und Schwenkkartoffeln gegeben – und wollte den Nachtisch holen, ohne den ein Sonntagsessen für sie undenkbar war, als vor dem Haus ein Auto hupte. Opa Gerd nahm die Serviette vom Schoß, wischte sich einmal kurz über den Mund und stand auf.
„Das ist Ewald“, brummte er und lief auf dem Weg zur Tür fast meine Oma um, die mit einer großen Schüssel Vanillepudding in der rechten und einem Kännchen Schokoladensoße in der linken Hand aus der Küche kam.
„Gerd, du willst doch nicht etwa …“
Opa machte einen Schritt zur Seite.
„Helene spielt heute in Erkenschwick“. Aus dem Klang seiner Stimme war zu erkennen, dass Helene ohne ihn in Erkenschwick ganz bestimmt nicht zurechtkommen würde. Nur sah Oma dass anscheinend anders.
„Du und deine Helene“. Ihre Stimme war eine Oktave höher als gewöhnlich. „Was soll das Kind nur von dir denken?“
In der Tat wusste ich nicht so recht, was hier vor sich ging. Wer war Helene und was und vor allem mit wem spielte sie in Erkenschwick? Musste Opa dort mitspielen? Warum war Oma dann so böse auf Opa? Mochte sie Helene nicht?
Vor dem Haus hupte Ewald erneut, diesmal etwas energischer.
Opa, der inzwischen im Flur verschwunden war, steckte nur seinen Kopf zur Tür herein.
„Dann bis gleich“ rief er. „Und drückt uns die Daumen“.
Im Zimmer war es mucksmäuschenstill. Der DKW startete mit einem lauten Blubbern und beschleunigte. Als er kaum noch zu hören war, griff Oma Line nach dem Löffel und begann, Vanillepudding von der Schüssel in ein Schälchen zu füllen. Sie holte kurz aber tief Luft und lächelte mich dann an. „Nun gut, dann bekommst du eben Opas Portion.“
Als mein Vater mich abends fragte, wie es denn bei Opa und Oma gewesen wäre, antwortete ich enthusiastisch: „Toll. Opa musste schon vor dem Nachtisch mit seinem Freund nach Erkenschwick fahren und mit Helene spielen. Da hat Oma mir seine Portion Vanillepudding gegeben.“
Papa sah mich an und begann schallend zu lachen. Als er sich gar nicht wieder beruhigte, rief Mama aus der Küche: »Was gibt es denn bei euch so Lustiges? Ich möchte mitlachen.“
Ehe ich antworten kann, rief Papa prustend: „Sag mal, weißt du eigentlich, wie TuS Helene heute in Erkenschwick gespielt hat?“
Mutter sah ihn entgeistert an, denn er hatte sich noch nie für Fußball, geschweige denn für den Lieblingsklub Ihres Vaters interessiert: TuS Helene Altenessen.

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