Béla Bolten

Eine Frage der Disziplin

Die Ratgeberbücher zur Arbeitsorganisation für Selbstständige und Freiberufler füllen Regalwände. Da soll man vereinfachen, Pläne schreiben, Ziele skizzieren, Wiedervorlagemappen befüllen, Listen anlegen, Projekte in kleine Schritte zerhacken und was weiß ich alles noch. Das Ziel: Dinge – sprich anfallende Arbeit – erledigt zu bekommen. Ich gebe zu: Einige dieser Schmöker verstauben auch bei mir im Keller. Wenn wieder einmal zu viele Post-It am Bildschirm klebten, die Papierstapel auf dem Schreibtisch zu dick und der Zeitdruck zu groß wurde, kaufte ich den aktuell erschienene Ratgeber mit der ultimativen Methode, seinen Arbeitsalltag perfekt zu organisieren. Manche Autoren versteigen sich gar zu versprechen, das Leben in seiner ganzen Fülle zu optimieren. Ich las das Buch – besser: ich arbeitete es durch, denn genau das wird in der Regel erwartet. Nur Lesen hilft nicht. Man muss am Problem arbeiten. Also schrieb ich Pläne, skizzierte Ziele, kaufte Wiedervorlagemappen … Siehe oben. Jedes Mal stellte sich schnell ein gutes Gefühl ein. Die gewählte Methode funktionierte. Ich hatte schöne Listen, prall gefüllte Wiedervorlagemappen. Und Zeitdruck. Denn statt am aktuellen Projekt zu arbeiten, hatte ich mich damit beschäftigt, wie ich am besten an dem Projekt arbeite. Nach spätestens vier Wochen landeten Listen, Mappen und all der Krempel im Papierkorb.
Irgendwann hörte ich auf, mir von anderen sagen zu lassen, wie ich meinen Alltag zu organisieren hatte. Die Methoden all dieser Gurus haben nämlich einen entscheidenden Webfehler. Sie kennen meine Arbeit nicht. Sie haben keine Ahnung, was ein Autor tut, wie sein Arbeitstag idealerweise aussieht. Eine Biografie oder einen Roman zu schreiben ist ein über viele Monate laufendes Projekt mit klar definierten Arbeitsschritten. Recherche, Plotten, Schreiben, bei Auftragsarbeiten kommen Besprechungen mit den Kunden dazu, das Einarbeitung von Änderungswünschen / Ergänzungen, Redaktion und Korrektorat, schließlich die Buchproduktion.
Dazu kommen die administrativen Arbeiten – Buchführung, Rechnungswesen, Korrespondenz mit KSK – und natürlich die Kundenakquise.
Das größte Problem kennen alle Freelancer: Aufträge kommen nie schön geordnet nach und nach. Manchmal gibt es über Wochen kaum Nachfrage und dann schließt man mehrere Verträge gleichzeitig ab. Das macht die Organisation der Arbeit schwieriger. Mit der Zeit aber lernte ich, dass auch in absoluten Stressphasen, wenn sich die Aufträge und damit die Arbeit überschlägt, nur eines hilft: Ruhe und die Disziplin eines geordneten Arbeitstages. Der sieht bei mir so aus:
Während des Frühstücks und danach: Zeitungslektüre (teils ePaper, teils online) und ein Blick in abonnierte Blogs.
Um 10 Uhr sitze ich am Schreibtisch. Als erstes kommen bei mir die administrativen Dinge an die Reihe. Dann beantworte ich E-Mails, rufe Interessenten oder Kunden an, schreibe einen Blogartikel wie diesen, kommentiere auf anderen Blogs oder in Facebook.
Gegen 11:30 verlasse ich das Haus zu meinem täglichen Spaziergang durch den Wald, der direkt vor unserem Haus beginnt. Eine Stunde bin ich in der Regel draußen.
Nach einer Tasse doppelten Espresso sitze ich spätestens um 13 Uhr wieder am Schreibtisch. Jetzt beginnt die Arbeit am aktuellen Projekt. Zunächst lese ich, was ich am Tag zuvor geschrieben habe und nehme erste Korrekturen vor. Dann beginne ich mit dem Schreiben. Dabei gibt es klare Vorgaben, was ich jeden Tag zu erledigen habe. In der Schreibphase zum Beispiel endet mein Arbeitstag nicht, bevor ich zehn Seiten Rohtext geschrieben habe. Wenn es gut läuft, erreiche ich mein Ziel vielleicht schon um 18 Uhr. Dann kann es sein, dass ich eine oder zwei Seiten mehr auf die Festplatte bringe, was allerdings nicht auf das Pensum des folgenden Tages angerechnet wird. Oft genug habe ich aber auch erst spätabends Feierabend. Natürlich gibt es zwischendrin Pausen für Kaffee, ein bisschen Obst, ein Schwätzchen und, sollte es mal wieder später werden, ein ruhiges, genussvolles Abendessen mit meiner Frau.
Leider lassen sich auch Unterbrechungen nicht immer vermeiden: Telefonanrufe, die ich annehmen muss, Mails, die sofort beantwortet werden müssen usw. Deshalb ist es für mich auch unabdingbar, ein tägliches Ziel an Seiten festzulegen, die ich bis zum Feierabend schreiben muss. Eine Stundenzahl hilft hier nicht weiter, allzu oft wäre das Tagesergebnis dann zu unbefriedigend.
Entscheidend ist die Disziplin, sich jeden Tag an diesen Ablauf zu halten und nicht in einen Schlendrian zu verfallen. Was auch immer man schreibt, wenn man es professionell tun will, ist es Arbeit! Letztendlich wird man aber auch belohnt – bzw. kann sich selbst belohnen. Mit Ferientagen abseits der Ferien und Wochenenden, Phasen des Müßiggangs und des Genusses. Sie sind extrem wichtig, wenn man in den Arbeitsphasen produktiv sein will und die Aussicht darauf hält einen aufrecht, wenn es mal wieder drei Wochen bis zum nächsten freien Tag dauert.
Grundsätzlich gilt: Zu schaffen ist das nur mit eiserner Disziplin. Schreiben sorgt nicht nur für Schwielen im Gehirn, sondern vor allem am Hintern. Trotzdem möchte ich mit niemandem tauschen, der in einem Neun-bis-Fünf-Uhr-Job steckt. Das Freiberuflerleben hat zu viele Vorteile. Doch das ist ein anderes Thema und dafür bleibt jetzt keine Zeit.

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Ein Gedanke zu „Eine Frage der Disziplin

  1. R.C.N. sagte am :

    Lieber Matthias, jetzt war ich auch endlich mal hier und ausgerechnet zum Thema Disziplin … meinetwegen können noch so viele Menschen unlustige Bücher über Arbeitsrhythmus/Disziplin schreiben, ich kaufe mir kein einziges davon. Nichts ist einfacher, als anderen Menschen Ratschläge zu erteilen 🙂

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