Béla Bolten

Historische Figuren

In meinem Kriminalroman »Codewort Rothenburg« tauchen mehrere historische Figuren vor. Für mich ist es immer eine besondere Herausforderung, diesen Charakteren gerecht zu werden. In der heutigen »Montagsleseprobe« aus trifft Luise Daut das Ehepaar Libertas und Harro Schulze Boysen, die zu den bedeutenden Widerstandskämpfern gegen das NS-Regime gehörten.

An der Längsseite des Tisches sprang eine attraktive junge Frau in einem eleganten Kostüm auf, ging zum Wohnzimmertisch und nestelte eine Zigarette aus der Packung. Nachdem sie sie in Brand gesetzt hatte, ging sie mit ausladenden Schritten im Zimmer auf und ab. Ihr welliges, zum Bubikopf geschnittenes Haar wippte auf und nieder. Dabei sprach sie mit einer angenehmen, leicht rauchigen Stimme.
»Dass ihr hier so ruhig sitzen könnt, wo sich endlich etwas tut! Genau heute in einer Woche beginnt das Ende dieses Spuks. Die Rote Armee wird siegen. Mag sein, es dauert ein bisschen – aber am Ende!«
Vom anderen Ende des Tisches widersprach ein schlanker, hochgewachsener Mann mit aristokratischen Gesichtszügen und einem fast kränklich wirkenden, blassen Teint:
»Da sei dir mal nicht so sicher, Libs. Was man von der Heeresleitung hört, klingt anders. Die hohen Herren gehen zwar auch davon aus, dass der Spuk schnell zu Ende ist. Nur nicht so, wie du es hoffst. Blitzkrieg – wenn du verstehst, was ich meine.«
Die Frau blieb stehen, winkelte den Arm mit der Zigarette ab und blickte ihren Gesprächspartner aus blitzenden Augen an. Luise überlegte, ob die beiden flirteten oder eine Art Machtkampf austrugen.
»Ach was, Harro! Stalin ist vorbereitet. Seit Monaten schicken wir und viele andere Genossen ihm die Aufmarschpläne. Erna, wann habt ihr zuletzt gesendet?«
Erna Neeb schüttelte den Kopf, und Luise wusste sofort, dass darüber vor ihr nicht gesprochen werden sollte. Vertrauen hin oder her. Werner legte ihr die Hand auf den Unterarm und flüsterte:
»Unser streitbares Ehepaar. Im Prinzip sind sie ein Herz und eine Seele, auch wenn es im Moment nicht so aussehen mag.«
Der Mann ihr gegenüber schien zu merken, dass sie von ihm sprachen, denn er prostete Luise mit dem Glas Sherry zu, an dem er die ganze Zeit genippt hatte.
»Willkommen in unserer Runde, Luise! Ich hoffe, ich darf Sie so nennen, denn hier benutzen wir nur das vertraute Du. Manchmal sind sogar die Vornamen falsch, trotzdem gebietet es meine anerzogene Höflichkeit, mich vorzustellen.« Dabei erhob er sich halb im Sessel und deutete eine Verbeugung an.
»Gestatten: Harro. Die wie immer aufgeregte Dame ist meine Frau Libertas – gemeinhin Libs genannt.«
Er wandte sich wieder seiner Frau zu.
»Leider kann ich deinen Optimismus nicht teilen, meine Liebe. Ich habe mich gestern mit Koljatschew getroffen. Er sagte, dass Stalin die Warnungen nicht ernst nimmt. Er lache darüber. In seinen Augen seien das alles – die Damen mögen den Ausdruck verzeihen – Latrinenparolen.«
Seine Frau hob die Augenbrauen und nahm einen Zug aus der Zigarette, ehe sie erwiderte: »Papperlapp. Koljatschew ist ein ganz, ganz kleines Licht in der Botschaft. Was weiß der schon, was Stalin denkt. Vielleicht ist das Ganze ein Ablenkungsmanöver, damit wir nicht mitbekommen, wie gut sich die Genossen Rotarmisten vorbereiten.«
Luise stand der Mund vor Staunen offen. Worüber redeten diese Leute? Wenn sie es richtig verstand, glaubten sie an einen unmittelbar bevorstehenden Krieg mit Russland. Und diese nervöse, schick und teuer gekleidete Frau war sich sicher, dass Deutschland diesen Krieg verlöre. Mehr noch: Sie hoffte darauf. Waren diese Leute Kommunisten? Luise kannte keine Roten, daheim gab es keine. Halt, das stimmte nicht. Einen gab es in ihrer kleinen Stadt. Otto Münser, den hatte die SA 1926 halb totgeschlagen. Seitdem sprach er nicht mehr. Als wolle sie Luise Gedanken bestärken, sagte Libertas, als sie sich wieder an den Tisch setzte:
»Was immer geschehen mag, in einem Sieg der Sowjetunion liegt unsere einzige Chance!«
Luise senkte den Kopf über ihren Teller und löffelte den Eintopf. Zum Glück unterhielt sich ihr Tischnachbar angeregt mit einem jungen Mann. Das Gespräch der beiden nahm Luise nur als Geräuschteppich wahr, zu sehr war sie mit ihrer Verwirrung beschäftigt.

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