Béla Bolten

Ein deutscher Spießer

In einer Amazonrezension schrieb eine Leserin in der vergangenen Woche:
»Anfangs brauchte ich ein wenig Zeit, um in den Stil und in die Geschichte hineinzufinden, aber nach wenigen Kapiteln hatte sie mich völlig in ihren Bann gezogen. Da ich kein großer Krimi-Fan bin, stört es mich nicht im Mindesten, dass der Kriminalfall bzw. dessen Klärung eigentlich gar nicht so zentral ist.

Axel Daut ist ein Spießer und Chauvi, politisch desinteressiert, Parteimitglied und (wenn auch inaktiver) SS-Offizier aus Opportunismus – nicht gerade der Stoff, aus dem sympathische Hauptfiguren gemacht sind. Dennoch versteht es der Autor, mir als Leserin seine Figur menschlich nahezubringen, ohne dass in Daut im Laufe der Geschichte irgendein nennenswerter Wandel vorgehen würde. Man lernt ihn einfach näher kennen und besser verstehen.

Historisch perfekt recherchiert – ein Stück NS-Alltagsgeschichte in Romanform, das ohne moralische Wertungen, ohne politisches Pathos, ohne erhobenen Zeigefinger auskommt.
Prädikat: Sehr empfehlenswert.«

Abgesehen von dem Lob, das jedes Autorenherz höher schlagen lässt, hat mich vor allem die Charakterisierung meines Protagonisten Axel Daut gefreut. Er ist in der Tat kein einfacher Charakter, sondern eher eine in vielfacher Hinsicht gebrochene Persönlichkeit. Ein Gespräch zwischen Daut und seiner Frau Luise aus »Codewort Rothenburg« mag das illustrieren.

Luise ging an den Herd und goss sich eine Tasse Gerstenkaffee ein. Sie hielt fragend die Kanne hoch, doch Daut schüttelte den Kopf. Ihm war auch so heiß geworden.
»Tut mir leid, dass kein Essen auf dem Tisch stand, aber ich war bei Erna und Gustav.«
»Schon wieder«, brummte Daut. »Soll das jetzt jeden Sonntag so gehen?«
Warum gelang es ihm nicht, einen verbindlichen Ton zu finden? Luise blies in den heißen Kaffee.
»Ja, Axel, das kann sein. Und du solltest mitkommen. Dann könntest du es mit eigenen Ohren hören.«
»Was gibt es bei den beiden Alten schon zu hören?« Wieder dieser schneidende Ton. Luise schien ihn nicht zu bemerken.
»Dieser Ha…«, Luise schluckte den Rest des Satzes herunter, »also einer der regelmäßigen Gäste bei den Neebs ist ein hohes Tier im Reichsluftfahrtministerium. Was der über eure Einsatzgruppen erzählt hat …«
Sie beendete den Satz nicht, sondern wischte sich mit einer Hand über den Mund. Daut stand auf und nahm sie in den Arm. Er wollte seine Grobheiten wieder gutmachen.
»Es ist Krieg, Luise. Da geht es nicht ohne Grausamkeiten.«
Luise entwand sich seinen Armen.
»Hier geht es nicht um Krieg. Im Krieg kämpfen Soldaten gegen Soldaten.«
Sie schaute mit rotgeränderten Augen zu ihm auf. Unvermittelt streichelte sie über seine Handprothese und sagte mit weicherer Stimme:
»So, wie du den Krieg erlebt hast.«
Als wäre das Stück Holz an seinem linken Arm kochend heiß, zog sie ihre Hand zurück und wandte sich von Axel ab. Ihre Stimme wurde wieder hart.
»Weißt du, was jetzt im Osten passiert? Da ermorden Polizisten wie du Zivilisten.«
Daut hielt sich die Prothese, als hätte er einen Stromschlag bekommen.
»Aha, so etwas weiß also jemand, der im Reichsluftfahrtministerium arbeitet. Die haben ja auch damit zu tun. Du solltest besser aufpassen, was du sagst, Luise!«
»Der Mann weiß jedenfalls mehr als du und ich. Er weiß, welche Verbrecher da oben sitzen.«
»Was soll das, Luise. Du weißt selbst, wie es in Deutschland vor 1933 aussah. Niemand hatte Arbeit, viele hungerten. Uns ging es gut auf dem Land, aber hast du mal mit Leuten geredet, die damals in Berlin lebten? Hier haben sie Katzen und Hunde geschlachtet, um etwas zu essen zu haben.«
Daut machte eine kurze Pause. Er wollte wissen, wie seine Worte bei seiner Frau ankamen. Sie hatte sich aber von ihm weggedreht, und er sah ihr Gesicht nicht. Deshalb setzte er zur Bekräftigung hinzu:
»Seitdem Adolf Hitler Reichskanzler ist, hat die Regierung Millionen von Arbeitsplätzen geschaffen.«
Luise drehte sich ruckartig um.
»Ja«, stieß sie hervor, und Daut hatte seine Frau nie so erlebt. »Millionen Männer hat er zu Soldaten gemacht, die quer durch Europa ziehen. Nimm doch nur deinen Bruder Max. Glaubst du, er hat Koch gelernt, damit er im tiefsten Russland seinen Kopf riskiert?«
»Was redest du da? Lass meinen Bruder aus dem Spiel. Reden wir doch über mich und meinen Beruf. Jetzt endlich kann die Polizei in diesem Land ihre Arbeit tun, ohne wie all die Jahre zuvor von Vorschriften und Paragrafen gegängelt zu werden, die alle nur einem Ziel dienten: den Täter zu schützen!«
Luise lachte höhnisch auf.
»Wie gut ihr eure Arbeit jetzt machen könnt, sieht man ja daran, dass ihr es nicht einmal schafft, eure Frauen und Töchter vor dem S-Bahn-Mörder zu beschützen!«
»Du bist ungerecht, Luise!«
»Ungerecht? Weißt du überhaupt noch, was ungerecht ist? Ungerecht ist, dass man der alten Frau Lesser nicht einmal erlaubt, ihr Geschäft, dessen Ausübung man ihr verboten hat, zu verkaufen. Erinnerst du dich überhaupt noch an sie? Nein, wahrscheinlich nicht. Du weißt nicht, wovon ich spreche. Du willst es nicht hören ‒ und sehen schon gar nicht. Lieber machst du die Augen zu vor allem, was dir nicht passt. Pass nur auf, dass sie dir nicht eines Tages aus dem Kopf fallen!«

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