Béla Bolten

Großes Kino

Jeder Autor von historischen Romanen kennt das Problem: Wie kann ich der Atmosphäre der Zeit, in der meine Geschichte spielt, möglichst nahe kommen? Die Antwort wird unterschiedlich ausfallen, je nach Temperament des Schreibers und der Epoche, in deren Stimmung man eintauchen möchte. Manchmal reicht ein bestimmtes Milieu, eine Umgebung. Wer einen Mittelalterroman schreibt, wird um den Besuch von Kirchen und Klöstern kaum herumkommen. Anders ist es bei zeithistorischen Themen, mit denen ich mich hauptsächlich befasse. Ich betrachte es als besonders Geschenk, durch den Beruf meines Alter Ego schon mit Dutzenden Menschen über ihre Erlebnisse, ihren Alltag, ihre Freuden und ihre Sorgen in der Epoche gesprochen zu haben, in der meine zeithistorischen Kriminalromane spielen. Ich habe einen Schatz von persönlichen Erinnerungen, die weit über das hinausgehen, was man in Fachveröffentlichungen lesen kann. Aber trotzdem brauche ich manchmal noch einen besonderen Kick, einen Impuls, der eine Szene oder eine Figur lebendig werden lässt.

Im nächsten Roman wird mein Protagonist eine Schauspielerin treffen, die damals der Spitzenstar der UFA war. Es gibt eine dramatische Szene während einer Premierenfeier. Einige dieser Ereignisse sind gut dokumentiert, andere füge ich hinzu. So, wie ich glaube, dass sie sich zugetragen haben könnten. Den Film selbst habe ich mir schon mehrfach angesehen, manche Szenen zigmal hintereinander. Zum einen, weil die ungeschnittene Fassung, die man seit drei Jahren wieder kaufen kann (mit einem entsprechenden FSK-Vermerk versehen), ein gutes Beispiel dafür ist, wie selbst eine an sich harmlose Schnulze zu Propagandazwecken missbraucht wurde. Zum anderen spürt man in dem alten Streifen bis heute die Faszination, denen sich die Zeitgenossen nicht entziehen konnten. Ich lerne also auch meine Protagonisten besser kennen.
Und noch etwas sei verraten: In dem Roman wird ein Lied eine besondere Bedeutung haben, das die meisten Leser noch heute kennen dürften. (Nein, es ist nicht Lilly Marleen) Dieses Stück höre ich während des Schreibens oder auch manchmal am Abend, wenn ich das Tagespensum noch einmal überarbeite. Mein Nachbar hält mich vermutlich inzwischen für geschmacksgestört. Aber was tut man nicht alles für die Kunst.

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3 Gedanken zu „Großes Kino

  1. Hanelt Marlies sagte am :

    Ich betrachte es als besonders Geschenk, durch den Beruf meines Alter Ego schon mit Dutzenden Menschen über ihre Erlebnisse, ihren Alltag, ihre Freuden und ihre Sorgen in der Epoche gesprochen zu haben, in der meine zeithistorischen Kriminalromane spielen. Ich habe einen Schatz von persönlichen Erinnerungen, die weit über das hinausgehen, was man in Fachveröffentlichungen lesen kann.

    Das ist es doch, was man im fortgeschrittenen Alter einfach hat. Erfahrungen mit vielen Menschen. Deren Erlebnisse, Nöte und Sorgen gehört und somit besser verstehen kann. Dieser Schatz (einschl. des erworbenen Wortschatzes) von Erinnerungen macht es doch erst möglich, in eine Epoche eintauchen zu können.
    Menschen beobachten in Ihrem Alltag. Das Umfeld genau zu betrachten und zu analysieren. So entstehen besondere Charaktäre, die man noch mit eigenen Ideen vervollständigen kann. Ein sehr individueller Charakter entsteht, der eine Geschichte erst lebendig werden läßt.

  2. Pingback: Bela Boltens Indie-Krimis « Literaturgefluester

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