Béla Bolten

Beschneidung

In Deutschland diskutiert man gerade heftig über die religiöse Beschneidung von Knaben. In »Codewort Rothenburg« spielt dieser jüdische Ritus ebenfalls eine Rolle.

Codewort Rothenburg, Seiten 149/150:
Schon als Kleinkind tobte er durch ihre Wohnung. Damals ahnte niemand, welches Schicksal dieser Blondschopf mit seinem strahlenden Lächeln haben sollte. Er kam 1916 mitten im Krieg zur Welt. Der Vater starb 1918 bei Ypern im Gas, gab sein Leben für Deutschland und den Kaiser. Bekam das Eiserne Kreuz 1. Klasse. Da stand seine Mutter Anna alleine mit dem Kleinen da, mitten in all dem Elend. Was sollte sie anderes tun, als sich an ihre Familie zu halten? Und die Familie half – unter einer einzigen Bedingung, die der Mutter nur gerecht schien. Also ging Anna in die Synagoge und sprach mit dem Rebbe, der sich zunächst weigerte. Die Zeremonie habe am achten Tag nach der Geburt stattzufinden, nicht nach zwei Jahren. Aber Anna argumentierte, verwies auf den Krieg, auf die Umstände.
»War der Knabe kränklich?«, fragte der Rebbe.
Anna sah ihre Chance.
»Ja, ja, er war immer schwach, deshalb ging es auch nicht«.
Es war nicht wahr, doch Lügen sollten von nun an zu seinem Leben gehören. Zwei Wochen später trug man Annas Sohn in das Bethaus, das seine Mutter viele Jahre nicht mehr besucht hatte. Ihr Mann war Katholik, und ihr selbst war Religion egal. Deshalb wurde der Junge direkt nach der Geburt zum Entsetzen von Annas Eltern getauft. Hätte sein Vater vor Ypern nicht zur falschen Zeit im falschen Graben gelegen, wäre er ein frommer Christ geworden. So aber stand jetzt, als sie ihn festlich gekleidet hereintrugen, die Gemeinde auf und rief: »Gesegnet, der da kommt!«
Der Mohel überprüfte mit einem Blick, ob die erforderlichen zehn Männer anwesend waren. Er ordnete seine Werkzeuge, und nachdem alles so abgelaufen war, wie vorgeschrieben, tat er sein Werk. Zum Erstaunen aller hielt der Kleine still. Nicht ein Laut kam aus seiner Kehle, als das Messer seine Vorhaut durchschnitt. Nur eine einzige Träne blitzte im linken Auge. Dem Schlusssegen der Zeremonie sollte er zumindest in seinen ersten Wünschen nie nachkommen: »Er wachse heran zur Tora, zur Chuppa und zu guten Werken.«

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